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Die Auferstehung im Hinterkopf


Im April 1991 wird ein gotisches Kreuz aus dem Regensburger Schottenkloster überholt, künstlerisch eher durchschnittlich. Da bemerkt Restaurator Rupert Karbacher, dass aus dem Hinterkopf des Gekreuzigten eine grüne Schnur hervorlugt. Sie weist den Weg zu einem geheimnisvollen Hohlraum, der sich wie eine Griffschachtel öffnen lässt. Was darin zum Vorschein kommt, entpuppt sich als Sensation.
In einem Lederbeutel ein Reliquiar vier mal fünf Zentimeter in
Form eines Schmetterlings.

Seelenfalter 
Im Gegensatz zu dem verwitterten hölzernen Kruzifix hat der Flattermann die 600 Jahre in seinem Versteck fast unbeschadet überstanden. Auf der Oberseite des Schmetterlings hat ein unbekannter Meister den Tod Christi filigran eingraviert. Darunter hält seine Mutter Maria ihre Linke vor die Brust, die Rechte streckt sie klagend von sich. Ihr gegenüber Jesu Lieblingsjünger Johannes.
Die Szene fügt sich harmonisch in die Schmetterlingsgestalt. Der senkrechte Kreuzbalken verläuft über den Körper des Tieres, die ausgebreiteten Arme Jesu spannen sich über die Flügel. Bis zu sechs hauchdünne gläserne Schichten liegen übereinander und erzeugen so eine fantast-ische Tiefenwirkung. In  kräftigen Grün- und Blautönen sind eine Landschaft und ein Himmel mit leuchtenden Sternen angedeutet, an den Fühlerenden sind wertvolle Perlen angebracht. Der Schmetterling wird im Altgriechischen mit demselben Wort bezeichnet wie die Seele. Für die Ägypter symbolisierte er die Wiedergeburt, für die alte Kirche die Auferstehung. Der Übergang von der Raupe, die sich in ihrem Kokon bis zur fast völligen Bewegungslosigkeit verpuppt, bis sich in neu gewonnener Gestalt ein farbenprächtiger Falter aus dem Dunkel zum Licht erhebt, gibt dazu ein treffendes Bild ab.

Offene Fragen:
Das Regensburger Reliquiar, gefertigt im frühen 14. Jahrhundert, ist weltweit ohnegleichen. Wer hat es für wen geschaffen? Wer hat es verschwinden lassen?
Es wird vermutet, dass der Schmetterling ursprünglich dem Regensburger Bischof Nikolaus von Ybbs als Brustkreuz diente: Gefertigt vermutlich in Prag ist er das wertvollste Stück des Regens-burger Domschatzes.  Man ist der Überzeugung, dass das Kruzifix mit dem Schließfach etwa 60 Jahre später als der Silberfalter eigens angefertigt wurde, um diesen in Sicherheit zu bringen. Der Schmetterling war schon in der Antike ein Sinnbild für den Triumph über den Tod und die Unsterblichkeit der Seele. Seit dem Frühchristentum sah man in der Metamorphose des Schmet-terlings eine Parallele zu Christus, zu dessen Tod, Grabesruhe und herrlicher Auferstehung.
Für die letzte Frühschicht in der Fastenzeit 2018 wurde eine 20-fache Vergrößerung des Regensburger Schmetterlings von Reinhard Legat geschaffen. Dieser Schmetterling befindet sich derzeit am linken Seitenaltar in der Stadtpfarrkirche.

Quellen:
Sonntagsblatt des Bistum Regensburg / Ausgabe Nr.: 13 / Christoph Renzikowski  -  Sonntagsbibel des Bistum Regensburg